Die Townships Kapstadts

Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt fährt man entlang der Cape Flats – Wellblechhütten soweit das Auge reicht. Und man kann es gar nicht fassen. Die „Flats“ erstrecken sich dann auch bis zur False Bay – gut eine Millionen Menschen sollen hier in den „informellen Siedlungen“ leben und täglich werden es mehr. Knapp 25 Jahre nach Ende der Apartheid prägen die sogenannten Townships immer noch das Bild von Kapstadt und Südafrika kämpft damit, die sozialen Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Foto: Mark Steenbeke für unsplash.com

Relikte einer jahrzehntelangen, systematischen und räumlichen Rassentrennung, die schon lange vor der Einführung von Apartheid als Staatspolitik im Jahr 1948 vorherrschte. So regelte der „Natives Urban Area Act“ von 1923 und dessen abgeänderte Form von 1945 bereits wo Schwarze Land erwerben oder wohnen durften. Zwangsumsiedlungen blieben nicht aus. Sozioökonomische Entwicklung in den „weißen“ Städten im Gegensatz zur fremdbestimmten Siedlungspolitik in den Townships. Die Wohnsiedlungen oder „Locations“ für Nicht-Weiße wurden in „Blank Sites“ südöstlich von Kapstadt angelegt. Gebiete ohne Bezug zur Kultur oder den Traditionen der Menschen. Mit einem Abstand von 450m zu anderen ethnischen Gruppen, eigenen Zufahrtsstraßen und 30m hohen Laternen mit Flutlicht, um nächtlichen Randalen vorzubeugen. Kontrolle an allen Ecken und Enden, um eine disziplinierte und unterwürfige Arbeiterklasse in Schach zu halten.

Eingeteilt in zwei Gruppen, gab es auch unterschiedliche Wohnsituationen bei den Arbeitskräften. Arbeiter mit Dauerwohnrecht wohnten in von der Regierung errichteten Reihenhäusern in Langa und Gugulethu.  Wanderarbeiter hingegen mussten sich durch einen Pass ausweisen, eine Arbeitsstelle haben und durften ihre Familien nicht mitbringen. Sie waren in „Hostels“ untergebracht, in denen sich 10 Männer und mehr einen Raum von ca. 30m² teilten. Trotz strenger Passgesetze suchten immer mehr Menschen ihr Glück in den Städten und errichteten illegale Behausungen, die sogenannten „Shacks“. Von den Behörden geduldet, weil sie diese Massen nicht mehr kontrollieren konnten.

Und heute? Auch fast ein Viertel Jahrhundert nach Ende der Apartheid kommen Veränderungen nur schleppend in Gang. Es gibt immer noch viel zu viele Baracken: die Landflucht ist nicht aufzuhalten – jeder hofft auf einen besseren Job in der Stadt. Zum 01.01.19 trat das neue Gesetz über den Mindestlohn in Kraft: R20 (ca. EUR 1.25) pro Stunde und wenn man aus einem ländlichen Gebiet mit wenig Möglichkeiten kommt, ist das doch ein Anreiz. Aber immerhin: in kleinen Schritten geht es vorwärts. Straßen werden geteert, Schulen gebaut und auch staatlich geförderte Häuser errichtet. Menschen, deren Einkommen unter R3500 (ca. EUR 220) im Monat liegt, müssen auch keine Miete zahlen, aber die Wartezeiten liegen bei 10 – 15 Jahren. Bei einer Arbeitslosenquote von über 50% in einigen Townships, hat sich der Tourismus für findige und kreative Kleinunternehmer zu einer wichtigen Einnahmequelle entwickelt.

Foto: Lee Pigott für unsplash.com

In dem Mitte der 1980er Jahre entstandenen Township Khayelitsha („neue Heimat“) hat 2012 das „Department of Coffee“ aufgemacht – der allererste Coffee Shop in einem Township! Eine waghalsige Idee, aber der Erfolg gibt den Jungunternehmern Recht – haben sie anfangs noch R 8.50 für einen Cappuccino verlangt, zahlt man heute R 13.50. Angebot und Nachfrage eben. In Langa („Sonne“), dem ältesten Township Kapstadts (1927), erfreut sich das Guga S’thebe Kunst- und Kulturzentrum großer Beliebtheit bei den Touristen. Ein Zentrum, in dem lokale Künstler Workshops anbieten angefangen vom Töpfern bis hin zum Trommeln und auch andere Einheimische in ihrer Kunst unterrichten. Hilfe zur Selbsthilfe. Mzoli’s Place in Gugulethu („unser Stolz“) ist selbst für Südafrikaner ein beliebtes Ausflugslokal. Es gibt sogar eine Cape Town Jazz Safari mit gemeinsamen Essen und Kennenlernen der Künstler. Soll heißen, Township bedeutet nicht automatisch Tod und Teufel. Eine bunte und lebendige Gemeinschaft, deren Lebensphilosophie „Ubuntu“ heißt. Das kann man nicht wörtlich übersetzen, bedeutet aber sowas wie Solidarität und Zusammenhalt. Und ist vielleicht auch der kleine Hinweis darauf, dass Freundlichkeit, Respekt und Authentizität wichtiger sind als Luxusgüter.

Trotz allem, ein Township sollte man nicht auf eigene Faust erkunden sondern mit einem qualifizierten Guide. Und man sollte sich auch vorher überlegen, ob man diese große Armut, wie wir sie in Europa nicht kennen, emotional verkraftet. Für die einen ist es Betroffenheitstourismus und für die anderen eine Begegnung, die das Verständnis fördert. Das muss jeder für sich selber entscheiden.